Silence is a relative concept, as John Cage has demonstrated. In a quiet soundtrack, every sound has a heightened presence. On the canvas of silence the few occurring sounds tend to become highly significant.
Robert Bresson
A Man Escaped (1956)
Un condamné à mort s'est échappé ou Le vent souffle où il veut (1956)
Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen
Fontaine, ein Französischer Widerstandskämpfer wird in ein Nazigefängnis eingeliefert und kurz darauf zum Tode verurteilt. Trotz der hoffnungslosen Situation entschliesst sich Fontaine, aus dem Gefängnis auszubrechen. In minutiöser Kleinarbeit beschafft er sich die notwendigen Werkzeuge für seine Flucht. Er muss dies in absoluter Verborgenheit durchführen. Vor allem darf er keine lauten Geräusche produzieren, die ihn verraten könnten.
Dieses Szenario ermöglicht Bresson einen hoch differenzierten Gebrauch von Geräuschen. Die Reduktion des visuellen Felds der Kamera, die nie Totalen zeigt, sondern nur Ausschnitte, unterstreicht ästhetisch das Gefühl der totalen Ausgeliefertheit der Gefangenen und die klaustrophobische Enge der Gefängniszelle. Aber auch akustisch ist die Welt der Geräusche unterdrückt. Den Gefangenen ist es verboten, miteinander zu reden. Die Stille ist nur gelegentlich unterbrochen von einem rasch geflüsterten Satz. Fontaines gefährliche und heimliche Vorbereitung der Flucht in grosser Stille verleiht jedem Geräusch eine intensive, überhöhte Bedeutung. Ein zu lautes Geräusch beim Aufbrechen der Gefängnistüre würde die unmittelbare Erschiessung zur Folge haben.
Andere Geräusche liefern Informationen über die Umgebung ausserhalb der Zelle und des Gefängnisses. Durch Ambientgeräusche von Tramwagen und Stimmen von spielenden Kinder weiss der Zuschauer, dass das Gefägnis sich im Zentrum einer Stadt befindet (Lyon 1943), in der das Leben wie normal weitergeht. Dies macht die Situation der Gefangenen noch unerträglicher. Man hört ebenso Dampf-Lokomotiven pfeifen und Schnellzüge vorbeirauschen, die später von Fontaine zur Maskierung der Geräusche während seiner Flucht genutzt werden.
Die Gefangenen verständigen sich mit Klopfgeräuschen durch die Wände. Jeder Gefangene ist sich bewusst, dass durch laute Geräusche oder Sprechen die Aufmerksamkeit der Wächter auf ihn gerichtet werden kann, was zum Ausbruch von willkürlicher Gewalt führen kann. Das allgemeine Geräuschambiente ist gedrückt und erstickt. Durch Räuspern durch seine Zellentüre macht Fontaine eine Mitinsassen auf der gegenüberliegenden Seite des Korridors auf sich aufmerksam. Er soll ihn warnen, sollte sich ein Wächter nähern. In brutalem Kontrast dazu tönen die Befehle der Wächter und Folterer laut, gewaltsam, schneidend und mächtig vergrössert durch den Hall der leeren Korridore. Es ist auffallend, dass Bresson während des Films kaum das Gesicht eines deutschen Soldaten frontal zeigt. Die Nazis bleiben eine gesichtslose, teuflische Macht.
Das Gefängnis selbst wird durch verschiedene Geräusche akustisch und räumlich definiert: schrille Pfeifensignale des Wächters, das zum Marschieren auffordert; die Geräusch der Schlüssel beim Öffnen der Türen sind übergross und bedeuten Gefahr: ist es das letztemal, dass die quietschende Türe geöffnet wird. Hohlen mich die Folterer zur Exekution? Die Schritte der Wächter, die sich der Türe nähern, und manchmal daran vorbeigehen, verhallen in den nackten, langen Korridoren. Ein Wächter lässt spielerisch beim Steigen der Treppen einen grossen Schlüssel gegen die Metallstäbe des Geländers klappern. Die kalten, metallischen Geräusche hallen laut durch das Treppenhaus. Der Wächter betont damit, dass er die Macht hat, laute Geräusche zu machen, auch wenn sie nichts bedeuten.
Deutsche Kommandobefehle bellen durch die Räume. Salven von Machinengewehrschüssen im Hof weisen die Gefangenen auf die Exekution eines Kameraden hin. Schmerzvolles Winseln eines neu eingelieferten Gefangenen verbreitet Terror.
Stille bedeutet vorübergehende Sicherheit. Jedes Geräusch hat das Potential zu Verrat, Terror und Tod. Das Knirschen von Schritten auf Kies, das Fontaine auf der Flucht mühsam mit dem Rauschen der vorbeifahrenden fernen Schnellzüge zu maskieren versucht. Ein mysteriöses quietschendes Metallgeräusch entlarvt sich später während der Flucht als das Geräusch eines alten Fahrrads des Wachpostens, der im äusseren Sicherheitsperimeter des Gefängnis seine Runden dreht.
Bresson zwingt den Zuschauer in einen Zustand von gespannter Aufmerksamkeit, die denjenigen der Gefangenen reflektiert. Jedes Geräusch kann zu einem neuen Ausbruch von willkürlicher Gewalt durch die Nazis führen.
Das Kyrie von Mozarts C-moll Messe ist die einzige Musik, die Bresson benutzt. Diese Musik deutet auf die spirituelle Dimension des Films: durch Kooperation und Ausdauer vermag das geknechtete Individuum sich aus seinen Fesseln zu befreien. Am Ende des Films nach der gelungenen Flucht bricht die Musik in triumphale Laustärke aus.
Die Stimme des Erzählers ist die des Proatgonisten Fontaine. Er spricht neutral und gebraucht das Passiv, als ob er die Geschichte seines Ausbruchs im Nachhinein erzählt. Bresson schafft kühle Distanz durch den unbeteiligten Ton der Erzählerstimme. In diesem Film arbeitete Bresson zum ersten mal mit Laiendarstellern. Er arbeitete intensiv mit diesen Darstellern, bis sie wie Marionetten in völliger Ausdruckslosigkeit ihre Aktionen ausführten. Durch die visuelle und akustische Distanz wird der Zuschauer auf sich selbst zurückverwiesen. Nur so wird ihm gestattet, emotional auf das Geschehen zu reagieren.
Keywords: Stille, silence,
Examples:
Rififi (1955), C'era una volta il West [Once Upon a Time in the West] (1968), No Country for Old Men (2007), Das weisse Band - Eine deutsche Kindergeschichte (2009)
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